Was wünschen sich blinde und sehbehinderte Berufstätige?

Zu diesem Thema wurde im August und September 2018 eine Umfrage unter blinden und sehbehinderten Menschen durchgeführt. Hier die zehn am häufigsten genannten Wünsche.

Ein blinder Physiotherapeut behandelt eine Frau an der Ferse. Die Frau liegt auf einer Liege, der Physiotherapeut steht daneben.
Blind im Beruf: ein blinder Physiotherapeut bei der Arbeit.
Bildnachweis: DBSV/Friese

1. Bitte macht mir nicht unnötig das Leben schwer!
An vielen Stellen des Arbeitsalltags hapert es mit der Barrierefreiheit. Die Präsentation, bei der es von Bildern, Grafiken und Organigrammen nur so wimmelt, und der dazu passende Referent der gern auf Tortendiagramme zeigt und alles nur mit „hier, hier und hier“ begleitet, ist ein Beispiel. Die schlecht beleuchtete Speisekarte in der Kantine, der Kaffeeautomat mit Touchscreen, die schwer erkennbare Glastür, an der man sich eine blutige Nase holt, sind weitere. Die Liste ist endlos und voller unnötiger Barrieren, die mit wenig Aufwand beseitigt werden könnten.

2. Bitte arbeitet an den Barrieren in euren Köpfen!
„Es wird oft ewig überlegt, was ich denn tun könnte und wie etwas umgesetzt wird, anstatt es einfach mal auszuprobieren.“ „Ich möchte nicht immer abwarten müssen, bis man entschieden hat, ob ich etwas bewältigen kann oder nicht.“ Blinde und sehbehinderte Arbeitnehmer werden häufig als ein Problem gesehen, das es zu lösen gilt; es mangelt an Vertrauen in ihr Können und ihre Fähigkeiten. In vielen Zuschriften wünschen blinde und sehbehinderte Arbeitnehmer sich Offenheit gegenüber Kollegen mit einer Einschränkung wie auch mehr Respekt und Anerkennung.

3. Bitte weniger Bürokratie und schnellere Unterstützung!
Wer blind oder sehbehindert ist, hat Anspruch auf eine Ausstattung des Arbeitsplatzes mit entsprechenden Hilfsmitteln und eine Arbeitsassistenz – aber der Weg dahin ist lang und der bürokratische Aufwand immens. In aller Regel sitzt man am ersten Arbeitstag und auch die ersten Wochen und Monate ohne diese Unterstützung da. Zuständigkeiten sind nicht geregelt, Anträge drehen unnötige Schleifen und unbedingt Notwendiges wird willkürlich abgelehnt, so dass zeitraubende Widerspruchsverfahren nötig sind. Und all das während der Probezeit, in der man sich ja eigentlich besonders intensiv mit seinem neuen Job beschäftigen möchte.

4. Bitte sorgt dafür, dass meine Hilfsmittel mir auch helfen können!
Eigentlich alles ganz einfach – es gibt spezielle Hardware und Software, zum Beispiel zur Vergrößerung oder zum Vorlesen von Bildschirminhalte. Aber oft sind die Schnittstellen zur Firmensoftware ein Problem und wenn dann ein Update nach dem anderen kommt, sind Probleme im wahrsten Sinne des Wortes vorprogrammiert. Oft ist auch ungeklärt, wer die Kosten für die nötige Anpassung von Software trägt. Helfen könnten erstens klare Richtlinien für die Software-Hersteller, was Kompatibilität und Schnittstellen betrifft – und zweitens Arbeitgeber, die bei Ausschreibungen von Firmensoftware die Barrierefreiheit „mitdenken“ und zur Bedingung machen.

5. Bitte gebt mir Möglichkeiten, mich zu qualifizieren!
EDV- und Datenschutz-Schulungen, Fremdsprachenkurse ... Wer sich in seinem Job halten und erst recht wer Karriere machen möchte, kommt um Fort- und Weiterbildungen nicht herum. Es fehlt jedoch an Infos zu beruflichen Entwicklungsmöglichkeiten, Bildungsmaßnahmen finden häufig „in der Pampa“ statt, sprich: an Orten, die ohne Auto nicht erreichbar sind, Inhalte werden oft nur grafisch oder visuell dargestellt und die Kosten für behinderungsbedingten Mehraufwand und die Herstellung von Barrierefreiheit möchte auch niemand tragen.

6. Bitte bessere Rahmenbedingungen!
Zahlreiche blinde und sehbehinderte Arbeitnehmer wünschen sich mehr Unterstützung von Seiten der Politik. Oft gefordert wird eine bessere gesetzliche Regelung zur Barrierefreiheit, insbesondere, wenn es um den Zugang zu digitalen Inhalten geht. Auch eine Anhebung der Ausgleichsabgabe für Betriebe, die keine schwerbehinderten Menschen beschäftigen, steht auf der Liste. Viele wünschen sich zudem mehr Unterstützung im Behördendschungel, zum Beispiel einen zentralen Ansprechpartner, der als Anwalt des behinderten Arbeitnehmers alles regelt.

7. Bitte gebt mir die Assistenz, die ich brauche!
Oft wird Assistenz nicht angemessen vergütet. Die Kostenträger übernehmen nur geringe Sätze, auch wenn zu den Anforderungen an eine Assistenz beispielsweise Computer-Kenntnisse und Erfahrung in der Erarbeitung von Präsentationen gehören. Ein weiteres Problemfeld ist die Assistenz bei Selbstständigkeit – die Regelungen, was eine Assistenz darf oder nicht und für wie viele Stunden sie genehmigt wird, sind mit der realen Berufswelt beispielsweise eines blinden Firmeninhabers nicht vereinbar.

8. Bitte nehmt eure Verantwortung als Vorgesetzte ernst!
Für Vorgesetzte und Arbeitgeber sind blinde und sehbehinderte Untergebene eine Herausforderung, denn sie wollen „mitgedacht werden“, passen aber in keine Schublade. Die Lösung liegt vor allem in der Kommunikation: Gute Teamleiter „dolmetschen“ nonverbale Kommunikation, um eine blinde Kollegin unkompliziert an Gesprächen teilhaben lassen zu können, sie fragen den sehbehinderten Mitarbeiter, statt ihm Entscheidungen abzunehmen, und sie haben ein Gespür dafür, wo alltägliche Konflikte aufhören und Diskriminierung anfängt. Gute Maßnahmen sind ein Sensibilisierungs-Workshop für die sehenden Teammitglieder und gegebenenfalls eine Supervision.

9. Bitte Weg frei!
Der Weg von und zur Arbeit kann für blinde und sehbehinderte Arbeitnehmer stressig sein. Wenn die Bahn ausfällt, die Ansage der nächsten Haltestelle nicht richtig funktioniert oder die Bushaltestelle wegen Bauarbeiten verlegt wurde, führt das eventuell zu Situationen, die nicht nur unangenehm, sondern sogar gefährlich sein können. Aber auch der Gang zur Toilette wird unter Umständen zur Herausforderung, wenn die lieben Kollegen den Flur als Abstellraum nutzen. Schön, wenn dann andere Kollegen von selbst auf die Idee kommen, den blinden Mitarbeiter zu warnen.

10. Bitte ermöglicht mir überhaupt erst mal, einen Job zu finden!
Arbeitsplätze für blinde und sehbehinderte Menschen sind extrem dünn gesät und es werden immer weniger, weil Berufsbilder wie beispielsweise das des Telefonisten wegbrechen. Viele Betroffene wünschen sich gezielte Unterstützung auf ihrem Weg aus der Ausbildung in den ersten Arbeitsmarkt. Aber auch die Arbeitgeber könnten zu einer Verbesserung der Situation beitragen. In vielen Stellenausschreibungen findet sich genau eine Anforderung, die nur mit Assistenz erfüllt werden kann – ein Führerschein beispielsweise. Wäre es nicht gerade in großen Firmen möglich, Stellen so zuzuschneiden, dass ein blindengerechter Arbeitsplatz entsteht?

 

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>> HIER geht es zum passenden Film. Nicht sehend - nicht blind. Sehbehinderte Menschen im Beruf.

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