Blinde Waldliebe – ein Interview mit einem blinden Waldgänger

Sommerurlaub findet für viele dieses Jahr in heimischen Gefilden statt. Besonders beliebt dabei: das Naturerlebnis Wald. Wie können blinde und sehbehinderte Menschen den Wald genießen? Im Interview mit der Woche des Sehens erzählt der blinde Waldliebhaber Per Busch, wie das gehen kann.

Per Busch erblindete 1993 als junger Mann bei einer Explosion. Einige Jahre danach hatte er bei einer Kur im Harz die Möglichkeit, sich auf einem speziellen Pfad zum ersten Mal allein in freier Natur zu bewegen. So hat ihn der Wald „gepackt“.

Woche des Sehens: Was lieben Sie so daran, im Wald zu sein?

Per Busch: Ich fühle mich unwahrscheinlich wohl im Wald. Als ich zum ersten Mal allein als Blinder in den Wald ging, war das ein tolles Gefühl! Das ist so geblieben.
Ich liebe das Gefühl von Weite und Geborgenheit in einem großen Wald. Die Bäume bieten Schutz, die Wege Freiheit. Ich fühle mich unabhängig, begegne anderen Menschen auf gleicher Augenhöhe und vergesse oft, dass ich blind bin.
Die Bewegung zwischen vielen Autos und Menschen empfinde ich als sehr anstrengend und vermeide das soweit möglich. Im Wald genieße ich die stressfreie Bewegung und die vielen Sinneswahrnehmungen.

Woche des Sehens: Wie orientieren Sie sich im Wald?

Per Busch: Ich nutze meinen Langstock und eine GPS-App. Das Wichtigste sind die Waldwege. Die geben Sicherheit. Sie sind in der Regel gut vom Waldboden zu unterscheiden.
In ein mir unbekanntes Gebiet gehe ich erstmal mit einer sehenden Begleitung. Dabei markiere und benenne ich in meiner GPS-App alle Kreuzungen und Abzweigungen und ein paar Specials wie Bänke. Wenn ich später allein unterwegs bin, teilt mir die App immer mit, wenn ich mich einem markierten Punkt nähere. Andere Orientierungshilfen sind zum Beispiel verschiedene Bodenbeschaffenheiten oder die Steigung eines Weges.
Auf den großen geschotterten Forstwegen kann ich auf die Art sehr entspannt gehen und auch so vor mich hinträumen. Auf kleineren Waldwegen oder auf Trampelpfaden ist die Orientierung etwas schwieriger, und ich muss mich stärker auf den Weg konzentrieren. Da gibt es auch mal schlammige Stellen, Pfützen oder querliegende Äste, so dass ich mit dem Stock den Weg nicht so leicht erkenne.

Woche des Sehens:  Was wäre denn, wenn Sie sich verlaufen?

Per Busch: Das ist bei blinden Waldgängern tatsächlich die größte Angst – wie auch bei Sehenden. Das Gute im Wald aber ist, dass es erstens nur wenige Wege gibt und dass sie zweitens immer nur in zwei Richtungen führen. Abzweigungen und Kreuzungen gibt es nicht so viele. Im Gegensatz zu Wegen in der Stadt gibt es also nicht viele Möglichkeiten, falsch abzubiegen.
Wenn ich doch mal nicht weiß, wo ich bin, gehe ich einfach auf dem Weg weiter, bis die App sich wieder meldet, wenn ich mich einem markierten Punkt nähere.
Komme ich auf kleineren Wegen oder Trampelpfaden mal vom Weg ab, finde ich manchmal den Weg auch mit dem Stock nicht wieder. Dasselbe gilt bei Schnee oder wenn der Waldboden sehr matschig ist. Da ist es nicht so einfach. Dann ziehe ich meinem Hund sein Führgeschirr an, und er muss mich „retten“. Ansonsten läuft er frei.

Apropos „Verlaufen“: Das Lustige ist, oft werde ich von Sehenden nach dem Weg gefragt – da sind die Rollen dann mal andersrum. Dann merken sie, dass ich blind bin, und sagen schon mal zueinander: „Der ist doch blind, wie soll er das denn wissen?“ Zu ihrem Erstaunen kann ich dann aber den Weg ganz genau erklären.

Woche des Sehens: Haben Sie nie Angst zu stolpern?

Per Busch: Blinde stolpern eher selten. Der Stock ist ja schon vor mir da auf dem Boden, wo ich gleich laufe. Stolpern passiert eher sehbehinderten Menschen, die sich über ihr noch vorhandenes Sehvermögen orientieren. Oder Sehenden, die unaufmerksam sind. Letztlich kennt aber jede und jeder das eigene Sehvermögen am besten und entscheidet selbst, ob der Langstock zum Einsatz kommt. Gut ist es, ihn im Wald für alle Fälle mal in der Tasche zu haben.

Woche des Sehens: Wie sollten blinde oder sehbehinderte Menschen vorgehen, wenn sie zum ersten Mal allein in den Wald gehen möchten?

Per Busch: Wenn man allein im Wald loszieht, muss man natürlich wissen, welche Wege, Kreuzungen und Abzweigungen es um einen herum gibt. Dafür erkundet man die Waldwege zunächst einmal mit einer sehenden Begleitung und lässt sich alles erklären. Das kann man ruhig mehrfach machen.
Während dieser gemeinsamen Spaziergänge speichert man alle Kreuzungen und Abzweigungen in einer GPS-App. Solche Apps ermöglichen die Erstellung eigener Orientierungspunkte, die mit selbstausgedachten Namen bezeichnet werden. Während des Gehens werden solche Punkte bei Annäherung dann automatisch mit Entfernung und Richtung angesagt.
Eine Liste bietet außerdem eine Übersicht über Lage und Entfernung aller Punkte in der Umgebung des gerade aktuellen Standortes. Damit kann man herausfinden, wo man gerade ist, falls man doch mal irgendwo falsch abgebogen ist.
Orientierungs-Apps gibt es sowohl für iPhones als auch für Android-Geräte (siehe untenstehende Liste). Und wenn man sich schließlich sicher ist, alle Wege zu kennen, probiert man es einfach mal alleine aus.

Die ersten Streifzüge allein unternimmt man am besten zu einer Tageszeit, zu der noch viele Menschen im Wald sind. So kann man im Zweifelsfall doch um Hilfe rufen. Ein bisschen „Blindenabenteuer“ ist es am Anfang aber natürlich schon. Doch irgendwann kennt man seine Lieblingswege.

Ich würde wirklich gerne anderen blinden Menschen die Augen dafür öffnen, wie toll es im Wald ist. Aber ich weiß natürlich auch: ich bin ein Mann und habe einen Hund dabei. Daher ist mir klar, dass das so, wie ich es beschrieben habe, nicht für jeden blinden oder sehbehinderten Menschen umsetzbar ist. Aber ich hoffe, es macht dem einen oder der anderen Mut, es mal auszuprobieren.

Woche des Sehens: Wie barrierefrei ist denn unser Wald?

Per Busch: Im Grunde ist da schon ganz viel barrierefrei. Barrierefreiheit muss nicht immer kompliziert sein und viel kosten. Breite Forststraßen sind leicht zu gehen, kleinere Wege und Pfade manchmal auch. Viele Waldwege haben eine gute Oberflächenbeschaffenheit, auf der man sich gut orientieren und bewegen kann.
Problematisch sind oft nur einzelne Stellen oder kurze Abschnitte, zum Beispiel wegen Matsch, großer Pfützen oder einer unklaren Grenze zwischen Weg und umgebendem Wald. Dadurch wird dann leider der ganze Weg schwer oder gar nicht nutzbar. Da besteht ein hohes Risiko, umkehren zu müssen oder vom Weg abzukommen und ihn nicht wiederzufinden.
Wenn solche Problemstellen wegebaulich nachgearbeitet und gepflegt würden, würde das viele weitere Routen ermöglichen. Es wäre oft auch gar nicht aufwendig.
Einmal habe ich kurzerhand selbst Hand angelegt. Wildschweine hatten in einer Nacht viel Erde auf einen „meiner“ Pfade geschoben. Das lag dann wochenlang da. Da dachte ich mir, wenn es in einer Nacht entstanden ist, kann man es doch auch mit wenig Aufwand wegräumen. Ich habe eine Schippe mitgenommen und den Weg einfach freigeschaufelt. Seither kann ich da wieder problemlos laufen. Das hat mir gezeigt, wie einfach manche Hindernisse zu beseitigen sind.

Die größte Barriere aber ist es, überhaupt bis zum Waldrand zu kommen. Das kann stressiger sein, als der entspannende Aufenthalt in der Natur wert ist. Natürlich hängt dies sehr vom individuellen Wohnort ab.

Woche des Sehens: Last but not least: Sie haben einen Traum – eine Wildschweintour…

Per Busch: Hihi. Ich mag Wildschweine. Und so viele Leute haben Angst vor ihnen. So plane ich eine geführte Wildschweintour für interessierte Menschen. Das ist blindenfreundlich, weil man sowieso nie ein Schwein zu sehen bekommen würde, auch nicht mit einem sehenden Führer.
Ich möchte das Wildschwein als soziales Lebewesen präsentieren, zum Beispiel Matschsuhlen zeigen und den Lebensraum vorstellen, damit es nicht nur als Jagdbeute, gefährlich und Schäden verursachend betrachtet wird. „Aus dem Alltag eines Wildschweins…“
Mir fehlt zu dem Thema noch die nötige Kompetenz. Ich würde gerne von Verhaltensbiologen, ähnlichen Forschern oder auch Tierpflegern lernen, vielleicht auch in einer Art Praktikum in einem Wildpark.
Blindheit ist im Umgang mit einer Wildschwein-Rotte vielleicht etwas unpraktisch. Aber ich bleibe dran. Aufgeschoben ist ja nicht aufgehoben.

Woche des Sehens: Vielen Dank, lieber Herr Busch, für das Interview und dass Sie sich Zeit dafür genommen haben.

 

Mehr über Orientierung, Sinneswahrnehmungen und Barrierefreiheit im Wald finden Sie auf der Website von Per Busch:
https://dubistblind.de/blind-im-wald/

Orientierungs-Apps für blinde und sehbehinderte Menschen:
Offsight-Forum zu Navigation und Mobilität
Sehbehinderte Menschen haben eine größere Auswahl an Orientierungs-Apps als blinde Menschen. Diese Apps für sind für blinde Menschen geeignet:
- für das iPhone: Ariadne GPS und MyWay (Classic oder Lite)
- für iPhone und Android-Geräte: BlindSquare und Lazarillo

Barrierefreier Wald:
https://www.waldwissen.net/wald/erholung/fva_barrierefreie_erholung_wald/index_DE

„SEEN MIT ALLEN SINNEN. Eine Handreichung zum geführten Naturerleben mit Blinden und Sehbehinderten“:
https://www.bodensee-stiftung.org/wp-content/uploads/Handreichung_Seen-mit-allen-Sinnen.pdf

Natursportangebote für Menschen mit und ohne Sehbehinderung:
http://www.visionoutdoor.de/

Erlebnispfade für blinde und sehbehinderte Menschen gibt es viele. Geben Sie einfach „Erlebnispfad für Blinde“ und gegebenenfalls Ihre Region in Ihre Online-Suchmaschine ein.

Per Busch in der Hocke auf einem Grasweg vor einem Holzgeländer. Hinter diesem befindet sich Gebüsch. Per Busch trägt ein weißes T-Shirt und eine weiße kurze Hose. Seine linke Hand liegt auf dem Rücken seiner weißen Labradorhündin, die neben ihm steht. An seiner rechten Körperseite liegt auf dem Boden sein Langstock.

„Ich würde wirklich gerne anderen blinden Menschen die Augen dafür öffnen, wie toll es im Wald ist“, sagt Per Busch. Bild: Kathrin Meyer/ Per Busch

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